Das Lächeln der Mona Lisa
von George Tenner (Autor)Veröffentlicht am 31.05.2009
von DagSonja, 02.06.2009 - Alle Rezensionen dieses Mitglieds ansehen
Der Klappentext verrät ja schon, es beginnt mit dem toten Kunstmaler. Zunächst deutet alles darauf hin, dass in seiner Wohnung eingebrochen und der Mann überwältigt wurde. Dies muss allerdings revidiert werden, denn er ist eines natürlichen Todes gestorben. Das Chaos in der Wohnung macht die Polizisten stutzig und nachdem noch zwei andere Personen, die mit Kunsthandel zu tun haben, tot aufgefunden werden, wird die Mordkommission auf den Plan gerufen.
Als Verdächtige kommen nun mehrere Leute in Frage, die mit der Kunst-Szene und auch den momentanen Personen etwas zu tun haben könnten. Da wäre zunächst der Stiefsohn Thomas Vester, der im Haus wohnte, dessen Freund oder auch ein naher Nachbar im Kreis der Verdächtigen sowie der Galeriebesitzer Fuoli. Weitere Bekannte gelangen in die nähere Betrachtung der Kommissare, zumal der Fall immer undurchsichtiger wird.
Die Ermittlungen gehen in verschiedene Richtungen. Zum einen spielt der Kunsthandel eine Rolle, Personen des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit kommen ins Blickfeld, auch die Sizilianische Mafia scheint präsent zu sein. Nur wie passt das alles zusammen?
Und welche Bedeutung hat spielt dabei das zu beiden Todesfällen gehörende Werk "Das Lächeln der Mona Lisa", das sowohl als Bild als auch mit seinem Lithografiestein mutwillig zerstört wurde?
Zunächst wird Thomas Vester verdächtigt, der ein Hass aus Jugendzeit auf seine Mutter hat, denn diese hat ihn einst vernachlässigt und später Geld und Bilder zum Verkauf zugesteckt. War das ihre Wiedergutmachung? Und warum wollte er dann angeblich alle 25 Exemplare der Mona Lisa, die ein Bildnis seiner Mutter darstellt, unbedingt behalten?
Eine Rolle spielen auch der Freund und Freundin von ihm, zumal es einen Streit gab indem auch die homosexuelle Seite von ihm zur Sprache kommt. Ging es möglicherweise um Eifersucht?
Oder geht die Aufklärung doch in eine ganz andere Richtung?
Im Laufe der zahlreichen Gespräche mit wichtigen Personen, Observierungen von diversen auffälligen PKWs, Offenbarungen hochrangiger Leute, Verhöre der Verdächtigen und der Mitarbeit des LKA hinter vorgehaltener Hand kommt ein ganz anderer Aspekt zutage.
Einzelne hochrangige Offiziere, die Kontakte zu italienischen Mafia haben, mit Kunst und Schmuck handelten und damit viel Geld machten sowie andere Beweismittel führen letztendlich zur Aufklärung des Falles und zur Aushebung eines Sumpfes, mit dem Barneby Kern mit seinem Team am Anfang nicht gerechnet hatte.
Verschiedene Personen - teilweise aus dem Ausland - haben dabei besondere Aufgaben oder auch persönliche Absichten, denen sie nachgehen, um ihr Ziel zu erreichen. Dabei machen sie auch vor Ablenkung und Mord nicht halt.
Denn es gibt insgesamt nicht nur einen Mörder, der dingfest zu machen ist. Dieser wird außer Landes geschleust. Nicht ohne zu erwähnen, das einem anderem sein Tod ganz gut in den Kram passen würde. Eine weitere Person wird zusammen mit einem Mittäter verhaftet, die Auftraggeber sind nicht in Deutschland angesiedelt.
Mehr möchte ich hier nicht verraten, es soll bei meinen Andeutungen bleiben, damit sich der Leser die Story Stück für Stück erarbeiten kann.
Für mich ist die Auflösung ziemlich heftig, denn es gibt viele Verstrickungen von Personen mit hochrangigen Ämtern, von denen man es nicht geahnt hätte. Insgesamt aber logisch, wenn man die Geschichte und deren Hintergründe verfolgt.
Von Anfang an ist der Text kompakt und fließend gestaltet. Der Autor ist in der Lage, den Leser unmerklich mitzureißen und in die Story zu geleiten, aus der man erst auf der letzten Seite wieder heraus kommt. Dabei benutzt er verschiedene Merkmale: Zum einen die Authentizität der Lokalitäten, Straßen und Gebäude.
Ich hatte das Gefühl, in den Autos der Ermittler mitzufahren, denn er lenkt die Aufmerksamkeit auf Details, die zu Dresden gehören. Allein das "Blaue Wunder" müsste jedem ein Begriff sein. Man erfährt somit einen Teil der Stadtgestaltung und kann sich bildlich vorstellen, an welcher Stelle sich die Leute gerade befinden. Das bezieht sich auch auf die Verfolgung der PKWs, wenn sie einen Wagen zum Zwecke der Observierung verfolgen.
Weiter gibt der Autor Einblick in die Lithografie. Dabei stellt er dies nicht nur einfach fest, sondern er erklärt die Herstellung und die Besonderheiten solcher Werke, so dass man sich eine solche Arbeitsweise gut vorstellen kann.
In Zusammenhang mit der Verstrickung und Involvierung diverser Machenschaften von verschiedenen Personen, die zur Mafia oder auch der StaSi gehören, hat er ebenso authentisch recherchiert und dies geschickt in den Roman verflochten.
Man könnte sagen, es ist eine politische Verarbeitung der DDR-Vergangenheit, den er in einen Krimi verpackt hat. Denn es sind Leute und Firmen mit Namen genannt, die einen Wiedererkennungswert abgeben. Einige Wahrheiten von bekannten Personen kommen ans Licht. Nennen werde ich sie an dieser Stelle aber nicht.
Die erwähnte Einflechtung echter Fakten in einen Krimi erreicht der Autor durch zwanglose Gespräche, bei denen die Leute mit den Kriminalisten sprechen oder auch in Verhören in Form von Frage-Antwort-Manier. Auch Beweismittel sind im Buch enthalten, die durch Datum und Unterschrift authentisch benutzt werden. Die Geschichte des Thomas Vester oder anderer Personen ist an manchen Stellen in Erzählform gestaltet.
Die Kriminalisten der Mordkommission Dresden werden nicht nur als Ermittler dargestellt, sondern auch in ihrer Persönlichkeit. Man erfährt während des Lesens die Familienverhältnisse und Besonderheiten des jeweiligen Menschen.
Es handelt es sich dabei also nicht um Arbeitsmaschinen, sondern um Leute, die Zweifel an ihren Theorien und den Verdächtigen haben, man kann mit ihren Gedanken mitgehen, mitdenken, fluchen und sich ebenso an ihren Ermittlungserfolgen freuen.
Ebenso gibt der Autor Einblick in die Gefühlswelt der jeweiligen Person, den Teamgeist, der Integration eines neuen Kollegen, die Sorgen für Krankheit, Überdenken der Familienverhältnisse und deren Entschlüsse usw. usf. Auch das macht den Roman authentisch.
Somit wird das Buch an keiner Stelle langweilig, im Gegenteil: Ich habe den Eindruck gewonnen, es beinhaltet Wissen und kriminelle Arbeit in kompakter Form. Es gibt keinen Satz zu wenig oder zuviel. Es ist ein politischer Kriminalroman, der es in sich hat und spannend vom Anfang bis zum letzten Wort.