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Massaker auf der Morningstar

von Paukenfrosch, 28.05.2009 - Alle Rezensionen dieses Mitglieds ansehen

Theres Wilding wurde als junges Mädchen brutal mißbraucht. Nach knapp 30 Jahren trifft sie ihren Peinger rein zufällig wieder. Was ihr Dobroslav Nicolic, genannt „Der Schlächter von Srebrenica“, damals angetan hat, konnte Theres nie vergessen. Noch heute leidet sie unter diesem traumatischen Ereignis. Und nun will sie Rache! Deshalb kontaktiert sie ehemalige Fremdenlegionäre, die ihr bei ihrem Vorhaben behilflich sein sollen…

Beginnen die meisten Kriminalromane üblicher Weise mit dem Fund einer Leiche und dem umgehenden Erscheinen der ermittelnden Polizisten / Detectivs, so darf der Leser in „Insel der tausend Puppen“ an der Organisation eines Mordes bzw. Mordkomplotts teilhaben. Das ist mal ein ganz besonderer Einstieg, wird man doch umgehend mit dem Mordmotiv konfrontiert, welches es sonst eigentlich erst im Verlauf des Romans zu ermitteln gilt. Während man auf der einen Seite in die Thematik der Fremdenlegion eingeführt wird, erfährt man auf der anderen Seite von aktuell geplanten Kindesentführungen im Auftrag des zukünftigen Mordopfers. Man hat also von vornherein eigentlich kein Mitleid mit Nicolic, vielmehr sympathisiert man mit Theres, da man ihre Rachegelüste gegenüber dieser menschlichen Bestie sehr gut nachvollziehen kann.

Diese breit angelegte Einleitung macht dem Leser deutlich, daß die Globalisierung mehrere Gesichter hat, denn sie öffnet auch dem organisierten Verbrechen Tor und Tür. Ungehindert – so hat man den Eindruck – werden schwere Kapitalverbrechen begangen, vor denen man sich kaum schützen kann. Andererseits jedoch klappt es mit der Zusammenarbeit der Behörden zwischen den Ländern nicht so gut. Lasse Larsson jedoch ist auf die Zusammenarbeit der polnischen Polizei angewiesen. Sie aber umgekehrt auch, denn immerhin sind es polnische Babys, die in Nicolics Auftrag entführt wurden, der sich mit seiner Yacht „Morningstar“ in deutschen Gewässern befindet.

Hauptkommissar Lasse Larsson und sein Team, die an Bord dieser Yacht mehrere Leichen vorfinden, haben einen sehr schwierigen und äußerst verzwickten Fall zu lösen. Für den Leser, der ja im Vorfeld bereits mit Opfer und Motiv vertraut gemacht wurde, ist es nun besonders interessant, die Polizeiarbeit mitzuverfolgen. Akribisch ermittelte Fakten werden aneinandergefügt, logische Schlußfolgerungen werden daraus gezogen, so daß weitere Ermittlungsschritte geplant werden können. Mühsam, aber jederzeit interessant ist diese Arbeit, die nur langsam, aber doch stetig zur Lösung des Falles führt.

Allerdings fragt man sich wegen der geschilderten Vorgeschichte immer wieder, ob man das eigentlich will. Sicherlich berührt einen das Schicksal der entführten Säuglinge sehr und man will sie in Sicherheit wissen, doch will man wirklich, daß der Mörder von Nicolic gefaßt wird? - Unweigerlich wird man in einen zwiespältigen Sog gezogen, der einen über Selbstjustiz nachdenken läßt, da den Behörden Dank der scheinbar unüberwindbaren Hürden der Bürokratie viel zu oft die Hände gebunden sind, um Verbrecher dingfest zu machen.

Larsson ist in dieser Hinsicht ein kleiner Vorreiter, denn er wird Hürden überwinden, um den Fall zum Abschluß zu bringen. Doch ganz so einfach soll die Aufklärung dann doch nicht sein, denn was Mordmotiv und Täter betrifft, erwartet den Leser ungeahnter Weise dann doch noch eine große Überraschung…

Man kann nicht behaupten, daß sich das Buch leicht und locker lesen läßt und einen angenehm spannend unterhält. Dafür ist es zu gehaltvoll. Es ist vollgepackt mit politischen Fakten, die bis ins kleinste Detail recherchiert wurden. Man wird mit den Gräueltaten während des serbischen Krieges konfrontiert, was man stellenweise nur schwer verarbeiten kann. Ebenso wird der Völkermord an den Armeniern durch die Türken in den Jahren 1915-1917 erwähnt und nachgefragt, weshalb dies heute kaum noch einer weiß. Doch auch Kindstötungen und Polizistenmorde, begangen in jüngster Vergangenheit in Deutschland, werden thematisiert. Zugleich wird die steigende Arbeitslosigkeit in Zusammenhang mit der rechtsextremen Entwicklung gebracht, der die Politiker angeblich machtlos gegenüberstehen. Warum? Dazu ein Zitat (Seite 9):

„Weil zu wenig Politiker ihrer Arbeit aus Berufung nachgehen. Außer dem Teil derer, die ins Parlament gewählt werden, aber total unfähig sind, ist die größte Zahl nur damit beschäftigt, ihr Privatvermögen zu sichern. Manche haben zwei oder drei Nebeneinkommen aus der Industrie, deren Lobbyisten sie sind und die das Einkommen, das sie als Parlamentarier beziehen, weit übersteigen.“

Diese Zeilen belegen, wie kritisch sich der Autor mit politischen Themen auseinandersetzt, denn derartige Ausführungen gibt es in diesem Buch immer wieder. Geschickt baut Tenner sein journalistisches Fachwissen in den Roman mit ein und verknüpft das aktuelle Geschehen bezogen auf den fiktiven Kriminalfall gekonnt mit geschichtlichen Fakten. Das macht dieses Buch unheimlich anspruchsvoll, denn es ist nicht nur einfach ein Krimi, sondern gleichzeitig auch eine sehr lehrreiche Lektüre, die einem Herz und Augen zu öffnen vermag.

Spannende Unterhaltung kommt jedoch keineswegs zu kurz, denn immerhin geht es ja um Lasse Larsson und sein Team. Ich mag Lasse unheimlich gern. Besonders gefällt mir an dieser Figur, daß er zwar der Romanheld, aber kein menschlicher Überflieger oder Alleingänger ist. Er ist auf sein gut organisiertes Team angewiesen und weiß dieses korrekt zu führen. Der Einblick in sein Privatleben, macht ihn für den Leser menschlicher und greifbarer und dadurch unheimlich sympathisch. In „Insel der tausend Puppen“ erwartet Larsson privat eine ganz besonders pikante Überraschung. Damit verbunden wächst natürlich die Hoffnung auf einen 4. Fall, den er auf Usedom zu lösen hat, denn nach drei Romanen hat man sich schon sehr mit ihm angefreundet und ist somit natürlich auch an seinem Privatleben interessiert.

Doch vorerst gibt es für seinen 3. Fall eine uneingeschränkte Leseempfehlung…


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